Buße und Vergebung
In unserem Glauben leben wir von dem Zuspruch, dass Gott in Jesus Christus die Welt mit sich versöhnt hat. Diese Botschaft ist keine abstrakte Lehre, sondern die lebendige Mitte unseres Glaubens. Buße und Vergebung gehören untrennbar zusammen: Die Buße ist die von Gott bewirkte Umkehr des Sünders, die Vergebung ist das freie Geschenk der Rechtfertigung allein aus Gnade um Christi willen. Beide sind keine menschlichen Leistungen, sondern Werk des Heiligen Geistes durch das Wort und die Sakramente. Im Folgenden sollen diese Zusammenhänge aus der Heiligen Schrift und dem Bekenntnis unserer Kirche entfaltet und erörtert werden.
- Die biblische Grundlage
Die Schrift spricht von Anfang an von der Sünde des Menschen und von Gottes rettendem Handeln. In 1. Mose 3 wird der Bruch der Gemeinschaft mit Gott beschrieben. Der Mensch versteckt sich, schämt sich und sucht Ausreden. Schon hier begegnet uns Gottes Frage: „Adam, wo bist du?“ (1. Mose 3,9). Diese Frage ist kein Gerichtsspruch, sondern der Anfang der Heilsgeschichte. Gott sucht den Sünder und verwirft ihn nicht.
Das Alte Testament kennt die Buße als Umkehr. Der Prophet Joel ruft: „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen und mit Klagen! Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider und kehrt um zu dem Herrn, eurem Gott!“ (Joel 2,12–13). Entscheidend ist die innere Haltung, nicht die äußere Leistung. Gleichzeitig verkündigt das Alte Testament die Vergebungsbereitschaft Gottes: „Denn er ist gnädig und barmherzig, geduldig und von großer Güte und lässt sich das Unheil gereuen“ (Joel 2,13).
Im Neuen Testament wird diese Botschaft in Jesus Christus erfüllt. Johannes der Täufer predigt: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Matthäus 3,2). Jesus selbst nimmt diesen Ruf auf und deutet ihn zugleich um: Die Nähe des Reiches Gottes ist nicht zuerst Drohung, sondern Angebot der Vergebung. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15) wird deutlich: Gott sucht den Verlorenen. Der Vater läuft dem heimkehrenden Sohn entgegen, bevor dieser sein vorbereitetes Schuldbekenntnis zu Ende gebracht hat. Die Vergebung geht der vollständigen menschlichen Buße voraus.
Paulus fasst im 2. Korinther 5,18–21 zusammen: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ Die Versöhnung ist also geschehen. Unsere Aufgabe ist es, dieses Wort weiterzugeben, denn die Buße ist die vom Evangelium bewirkte Annahme dieser Versöhnung.
- Das lutherische Verständnis der Buße
Luther hat die mittelalterliche Bußpraxis gründlich erneuert. In seinen Thesen stellt er klar, dass die ganze christliche Existenz Buße ist. Buße ist nicht ein einmaliger Akt oder ein System von Bußwerken, sondern die tagtägliche Umkehr des Gläubigen.
Im Kleinen Katechismus schreibt Luther 1529 zur Beichte: „Die Beichte begreift zwei Stücke in sich: das eine, dass man die Sünden bekenne; das andere, dass man die Absolution oder Vergebung vom Beichtiger empfange als von Gott selbst.“ Das Bekenntnis der Sünde ist zwar wichtig, aber nicht um seiner selbst willen. Die Absolution ist das eigentliche Sakrament: „Wo die Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.“
Die Augsburger Konfession definiert ein Jahr später die Buße als „die Reue oder das Schrecken des Gewissens über die Sünde und zugleich der Glaube, der aus dem Evangelium entsteht und glaubt, dass die Sünde um Christi willen vergeben werde“. Zwei Elemente kennzeichnen demzufolge die Buße: „contritio“, die Zerknirschung und „fides“, der Glaube. Die Zerknirschung allein führt nur zur Verzweiflung, wie bei Judas geschehen. Erst der Glaube an die Verheißung rettet, wie es Petrus erlebt hat.
Wichtig ist in diesem Kontext die strikte Unterscheidung von Gesetz und Evangelium. Denn das Gesetz deckt die Sünde auf und treibt im Zweifelsfall in die Erkenntnis der eigenen Verlorenheit. Das Evangelium hingegen schenkt die Vergebung. Wer diese Unterscheidung und Grenzziehung verwischt, macht aus der Buße entweder eine moralische Selbstverbesserung oder eine billige Gnade ohne Umkehr. Die christliche Lehre hält beides zusammen: Die Buße ist ernst, weil die Sünde ernst ist. Sie ist zugleich freudig, weil die Vergebung gewiss ist.
- Die Vergebung als freies Geschenk
Die Vergebung ist keine Belohnung für eine gelungene Buße. Sie ist das reine Geschenk der Gnade. „Aus Gnaden seid ihr gerettet durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme“ (Epheser 2,8–9).
Christus hat am Kreuz die Sünde der Welt getragen. „Der Herr hat unsre Schuld auf ihn geworfen“ (Jesaja 53,6). In der Auferstehung hat Gott dieses Opfer angenommen. Deshalb kann der Apostel sagen: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Römer 3,28).
Diese Vergebung wird dem einzelnen Menschen zugesprochen. In der Absolution der Beichte, in der Predigt des Evangeliums, in der Taufe und im Abendmahl handelt Gott selbst. Die Zusage „Dir sind deine Sünden vergeben“ ist Gottes eigene Stimme. Darum darf der Gläubige darauf vertrauen, dass die Vergebung nicht abhängig von der Intensität der Reue oder der Vollständigkeit des Sündenbekenntnisses ist; sie hängt allein am Wort der Verheißung.
Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass die Sünde bagatellisiert wird. Im Gegenteil: Gerade, weil die Vergebung durch das Blut Christi so teuer erkauft ist, wird die Sünde in ihrem Ernst erkannt. Wer die Vergebung billig macht, hat den Preis nicht verstanden. Wer aber meint, er müsse die Vergebung erst verdienen, hat die Gnade nicht verstanden.
- Buße und Vergebung im Leben der Gemeinde
In unseren Gemeinden leben wir von dieser Dynamik von Gesetz und Evangelium, von Buße und Vergebung. Der Gottesdienst ist der Ort, an dem dies öffentlich geschieht. Die Beichte, die Absolution, die Predigt, die das Gesetz predigt und das Evangelium zuspricht, die Feier des Abendmahls – alles dient der Erneuerung der Gemeinde in der Vergebung.
Im Abendmahl wird das besonders deutlich: „Nehmet hin und trinket alle daraus; dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“
Hier empfängt der Gläubige leibhaftig die Vergebung. Die Realpräsenz Christi im Sakrament bedeutet, dass der vergebende Gott selbst gegenwärtig ist. Darum ist das Abendmahl kein bloßes Erinnerungsmahl, sondern „Brot des Lebens“ und „Kelch des Heils“.
Auch die Seelsorge und die Beichte unter vier Augen haben ihren festen Platz. Viele Geschwister unserer Gemeinden haben die Erfahrung gemacht, dass das gesprochene Wort der Absolution eine Last vom Herzen nimmt, die kein Selbstgespräch lösen konnte. Die Beichte ist kein Zwang, sondern ein Angebot der Kirche an die Angefochtenen.
Die Buße hat auch eine soziale Dimension. Wer Vergebung empfangen hat, ist berufen, selbst zu vergeben. Das Vaterunser lehrt uns: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Das „wie“ ist kein Leistungsnachweis, sondern Ausdruck der neuen Existenz. Der, dem viel vergeben ist, liebt viel (Lukas 7,47). Die Gemeinde wird so zu einem Ort der Versöhnung, nicht der gegenseitigen Kontrolle.
- Die tägliche Buße und der Kampf des Glaubens
Luther hat in der ersten seiner Thesen geschrieben, dass das ganze Leben des Christen Buße sein soll. Das bedeutet nicht permanente Selbstanklage, sondern die tägliche Rückkehr zum Evangelium.
Der Gläubige ist zugleich Gerechter und Sünder. Die Sünde ist vergeben, aber sie ist noch nicht beseitigt. Und genau deshalb gibt es Anfechtung, Rückfall und Neubeginn. Die Buße ist der Weg, auf dem der Heilige Geist uns immer wieder zum Kreuz zurückführt.
In diesem Sinne ist die Buße nicht das Gegenteil des Glaubens, sondern eine Facette seiner mannigfaltigen Gestalt. Der Glaube hält sich an die Verheißung, auch wenn das Gefühl und das Gewissen mitunter etwas anderes sagen. „Wenn unser Herz uns verdammt, so ist Gott größer als unser Herz“ (Johannes 3,20). Die Vergebung Gottes ist objektiv, unser Schuldempfinden hingegen subjektiv.
- Ermutigung und Ausblick
Liebe Geschwister, Buße und Vergebung sind das Herzstück unseres Glaubens. Wir müssen uns nicht selbst erlösen. Wir dürfen uns erlösen lassen. Der Ruf zur Buße ist kein drohender Zeigefinger, sondern die Einladung des Vaters, der uns schon mit offenen Armen entgegenläuft. Die Vergebung ist kein vager Trost, sondern das feste Wort: „Dir sind deine Sünden vergeben.“
In einer Welt, die entweder die Sünde leugnet oder den Sünder vernichtet, bezeugt unser Glaube beides: die Wahrheit über den Menschen und die noch größere Wahrheit über Gott. Wir bekennen unsere Schuld und empfangen die Absolution. Wir leben von der Vergebung und üben sie. Wir fallen und stehen wieder auf – nicht aus eigener Kraft, sondern weil Christus uns hält.
Möge uns der Heilige Geist immer wieder neu in diese Bewegung von Buße und Vergebung hineinziehen. Möge er uns immer wieder neu gewiss machen, dass wir in Christus gerechtfertigt sind. Und möge er uns immer wieder neu befähigen, diese Botschaft weiterzusagen – in Wort und Tat, in der Gemeinde und in der Welt. Denn „wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit“.
Soli Deo gloria.